Vorwort

Okay, ich muss mich mal wieder outen: Ich habe bisher keinen einzigen Marvel-Helden-Comic gelesen und stecke nur sehr bedingt im MCU, da ich die bisherigen Filme mit wenigen Ausnahmen sehr schwach finde. Neben den wenigen Ausnahmen wie Ant-Man, den Misfits um Starlord oder Tony Stark finde ich alle Helden strunz langweilig und viel zu glatt. Speziell so Kandidaten wie Thor und Captain America. Dazu erzählt jeder MCU-Film auf simpelste, filmästhetisch anspruchsloseste und schlicht langweilige Art immer und immer wieder dieselbe Geschichte. Daher ließen mich die Trailer zu Dr. Strange etwas unruhig werden. Kann der Doktor die erhoffte Rettung des MCU sein? Die Trailer sahen eher nach Matrix trifft Inception als nach Marvel aus. Zwei meiner absoluten Lieblingsfilme. Also habe ich nicht lange gezögert und den Film bereits gesehen.

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Quelle: Marvel.de

Fakten

Titel: Dr. Strange
Regie: Scott Derrickson
Genre: Comic-Verfilmung, Fantasy, Action
Studio: Marvel Studios / Disney
Laufzeit: 115 Minuten
Erschienen: 27.10.2016

Handlung

Dr. Stephen Strange ist gefeierter Neurochirurg, hoch angesehener Mediziner und unglaublich Arrogant. Bei einem schweren Autounfall erleidet er so schwere Knochen- und Nervenverletzungen, dass er wohl nie wieder operieren kann. Seine Welt bricht vollends zusammen und er wird noch unausstehlicher bis er auf einen spektakulären Fall stößt: Ein ehemaliger Patient seines Reha-Betreuers kann nach doppelter Durchtrennung des Rückenmarks auf wundersame Wiese wieder Laufen und scheint vollständig genesen. Stephen geht diesem medizinischen Wunder nach und macht den Mann ausfindig. Dieser schickt ihn ans andere Ende Welt nach Kathmandu. Dort findet er in einem Tempel eine mysteriöse Vereinigung, die von „der Ältesten“ angeführt wird. Sie lehrt ihn sein komplettes Weltbild über Bord zu schmeißen, seine Arroganz abzulegen und seinen Geist für Dinge jenseits aller physikalischen und irdischen Gesetze zu öffnen. Sie zeigt ihm die Magie und eröffnet ihm einen völlig neuen Blick auf Zeit und Raum, Körper und Geist. Doch die Zeiten sind unruhig und ein ehemaliger Schüler des Tempels hat geheime Zauberformeln gestohlen um die Welt ins Dunkel zu stürzen…

Kurzreview

Der Film startet mit einer wie ich finde recht gelungenen Exposition, in der Dr. Stephen Strange ziemlich gut charakterisiert wird. Sein Schicksalsschlag bringt seinen wahren Charakter dann nochmal deutlicher zur Geltung. Das ist geschickt, sinnvoll und einigermaßen glaubwürdig gelöst. Die weitere Struktur der Geschichte erinnerte mich dann tatsächlich eher an Jugendbücher wie Harry Potter und Co. Außenseitertyp kommt in den Tempel und ihm wird offenbart, dass er besonders talentiert ist und das Zeug hat die Welt zu verändern. Kommt euch bekannt vor? Mir auch. Der einzige Unterschied ist, dass wir keinen Halbstarken, sondern einen arroganten und hoch gebildeten Erwachsenen bei seiner Entdeckungsreise begleiten. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Hauptfigur nicht von Anfang an sympathisch ist, sondern die Sympathisierung mit Dr. Strange erst mit seiner Persönlichkeitsentwicklung einhergeht. Trotzdem legt Stephen seine Arroganz und Überheblichkeit nie gänzlich ab. Grade deshalb funktioniert das Ganze auch sehr gut, da die Figur keine unglaubwürdige 180°-Wendung hinlegt. Dazu ist die Rolle mit Benedict Cumberbatch sehr gut besetzt. Er kann die Arroganz aber auch Stephens speziellen Humor wunderbar rüberbringen und hat sichtlich Spaß an dieser Rolle. Auch in den ernsteren Momenten bringt er die Emotionen gut rüber. Alle weiteren Figuren verblassen neben Cumberbatch leider ziemlich. Natürlich ist Tilda Swinton als älteste immer noch cool und kann auch mal eine Badass-Attitüde raushängen lassen, aber die Figur und ihre Rolle im Film geben ihr zu wenig Raum zur Entfaltung. Ein vergleichbares Schicksal ereilt leider auch Mads Mikkelsen als Bösewicht Kaecilius. Der Charakter hat nämlich dasselbe Problem wie alle bisherigen MCU-Bösewichte: Sämtliches Potential wird verschenkt und ein weiterer großartiger Schauspieler verheizt, weil die Figur zu eindimensional und zu unmotiviert böse erscheint. Es gibt aber auch einen absoluten Überraschungsstar im Film der vielen die Show stiehlt! Stephens ikonischer roter Umhang führt nämlich ein höchst unterhaltsames Eigenleben und zeichnet sich für ein paar regelrechte Slapstick-Momente verantwortlich. Und das Beste: Die Gags sitzen, zünden und fügen sich erstaunlich harmonisch in den relativ ernsten Tenor des Films. Überhaupt empfand ich den Humor des Films sehr gelungen. So viele bei mir funktionierende Gags in einem Film sehe ich eher selten. Vor allem kommen sie immer genau dann, wenn man nicht mit ihnen rechnet und sie passen dennoch genau an diese Stelle. Sehr gelungen. Zumindest recht gut gelungen fand ich dann auch Stephens Endkampf gegen die eigentliche Bedrohung. Mehr Informationen wären an dieser Stelle zu starke Spoiler.
Trotz der – nennen wir sie ganz neutral – „vertrauten Handlung“ und einem vom Hauptcharakter abgesehen eher blassem Figurenensemble konnte mich der Film trotzdem überzeugen. Neben den oben bereits geschilderten positiven Eigenschaften des Films verfügt er nämlich über allerhand Schauwerte. Vor allem dann, wenn sich der Film offensichtlich von Matrix und Inception inspirieren lässt um dann noch eine Schippe draufzulegen. Die Welt faltet sich zusammen, fällt auseinander, befindet sich in permanenter Veränderung. Das ist unfassbar gut gemacht und sieht wirklich spektakulär aus, grade wenn die Figuren sich in dieser Umgebung dann auch noch Verfolgungsjagden und Schlägereien liefern. Diese Schlägereien sind trotz dem Einsatz von magischen Waffen und Fähigkeiten erfreulich bodenständig aber trotzdem flott und ganz nett choreografiert. Auch die Magieeffekte sehen wirklich toll aus und erinnern mich sehr stark an Anime-Serien wie die Fate-Ableger, Shakugan no Shana und so weiter. Auch das Compositing und die übrige CGI sind wirklich ein Augenschmaus. Wie Geil sieht es bitte aus, wenn sich die ganze Welt in der Zeit rückwärts bewegt, die Figuren aber normal „vorwärts“ kämpfen oder die Zeit einfach stillsteht? Ich bin ja kein Fan von 3D aber eines sollte nicht unerwähnt bleiben: Bei Dr. Strange kommt die Tiefenwirkung in den Paralleldimensionen in 3D schon ziemlich gut rüber und bietet tatsächlich zumindest einen klitzekleinen Mehrwert. In meinen Augen haben sich die Leute von der Postproduction eine Oscarnominierung für Best visual Effects verdient!

Fazit

Dr. Strange erweitert das MCU um eine magische Komponente und ist dabei angenehm anders. Während die Story, wie bei Marvel leider üblich, eher auf durchschnittlichem Niveau liegt, können die optische Präsentation, ein gut geschriebener und gespielter Dr. Strange und der überraschend gelungene Humor absolut überzeugen. Alleine schon wegen der Schauwerte ist der Film einen Blick wert.

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