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Cover Bd. 1 (Quelle: Cross Cult)

Fakten

Comic: Monstress Band 1: Das Erwachen
Autorin: Marjorie Lie
Zeichnerin: Sana Takeda
Verlag: Cross Cult
Seiten: 192
Lesezeit: 2,5-3 Stunden
Format: 16,4 x 2 x 24,1 cm
Erschienen: November 2016
Preis: 16,80 €

Handlung

Seit einem verheerenden Krieg, der durch eine gewaltige Explosion beendet wurde, ist die bekannte Welt durch eine Mauer getrennt. Auf der einen Seite lebt die Föderation der Menschen, die durch den Hexenorden der Cumaea unterstützt wird. Auf der anderen Seite der Mauer leben von den mächtigen Altertümlichen und Menschen abstammende Mischwesen, die Arkanen. Inzwischen herrscht seit einigen Jahren eine zerbrechliche Waffenruhe zwischen den beiden Parteien. Doch der Hunger der Cumaea nach Macht, der Hunger nach dem aus den Arkanen entzogenen Lilium und der Quelle der damaligen Explosion, bedroht den trügerischen Frieden.
Die siebzehnjährige Arkane Maika Halbwolf ist auf der Suche nach ihrer Vergangenheit und danach wer sie eigentlich ist. In ihrem Innern scheint ein altes Monster zu wohnen, dass sie hin und wieder übermannt um zu fressen. Woher stammt diese Verbindung und wer oder was ist dieses Monster? Sie lässt sich Gefangennehmen und landet schließlich in den Kerkern der Cumaea. Ihr Plan geht auf: Sie bricht aus und metzelt einige der Hexnonnen nieder. Schließlich trifft sie eine alte Bekannte ihrer Mutter in den Reihen der Hexen und erhält die zweite Hälfte eines alten Fotos, dessen erste Hälfte sie schon lange bei sich trägt. Sie erhofft sich mehr Klarheit, wenn sie die Frauen auf dem Bild ausfindig machen kann. Sie tötet die alte Bekannte ihrer Mutter und stiehlt ein Bruchstück einer alten mächtigen Maske und flieht mit einer anderen Arkanen, dem kleinen Fuchsmädchen Kippa. Auf der Flucht macht sich das Monster in ihrem Innern immer wieder bemerkbar, es wartet auf sein endgültiges Erwachen. Maikas Tat und das Monster in ihr rufen nicht nur Hexnonnen-Verfolgerinnen, sondern auch mächtige Arkane auf den Plan…

Kurzreview

Wie man an meinem Versuch die Handlung grob zusammenzufassen vielleicht schon erkennen kann, sind die Geschichte und die Welt von Monstress sehr komplex. Dies spiegelt sich auch in der Erzählstruktur des ersten Bandes wieder. Der Leser wird direkt in die Handlung geworfen und bekommt in einigen Rückblenden etwas Backgroundwissen geliefert. Richtig erschließt sich das Gewirr aus verschiedenen Kriegsparteien und Interessengruppen aber erst, wenn man beim letzten Drittel des ersten Bandes angekommen ist. Das World-Building in der Geschichte selbst wird um Informationsseiten am Ende eines jeden Kapitels ergänzt. Diese Seiten erläutern die Hintergründe der verschiedenen Rassen und Parteien, die Schöpfungsgeschichte und so weiter. Diese Informationen empfand ich als durchaus Hilfreich, da sie das Eintauchen in die Welt von Monstress und die Orientierung erleichtern. Auf der Innensete des aufklappbaren Covers findet sich zudem eine Landkarte der bekannten Welt, wie man sie heute bei fast jedem Fantasyroman findet. Romane sind ein gutes Stichwort: Der Struktur und dem Fokus auf textlastige Dialoge merkt man an, dass die Autorin Liu neben Comics auch häufig an Romanen arbeitet. Tatsächlich fühlt sich das Buch auch fast wie ein Roman an. Oder wie ein Film. Dafür sorgen vor allem die wirklich tollen Zeichnungen von Sana Takeda, die in einem kleinen Interview am Ende des Bandes schildert, wie sie extra für diesen Comic einen neuen Stil entwickelt hat. Diese neue Mischung aus asiatischem und westlichem Stil mit der Kombination von klassischer Fantasy, Steampunk und vor allem Art Deco-Design macht den Comic optisch zu einem absoluten Leckerbissen und mit zum Besten, was ich im Comicbereich bisher gesehen habe. Allerdings mag ich auch Comics und Manga gleichermaßen und habe eine große Schwäche für Jugendstil und Steampunk – der Comic vereint also alles was ich sehr schätze. Dazu trägt des Weiteren die großartige Kolorierung mit reduzierter, auf gedeckte Töne beschränkter Farbpalette bei. Sie passt perfekt zur rauen und gnadenlosen Welt, die die beiden Frauen entworfen haben. Hier gibt es unter anderem gnadenlose Gewalt gegen Frauen und Kinder, Flammenwerfer, abgetrennte Gliedmaßen und es wird viel geflucht und beleidigt. Der Leser wird nicht in Watte gepackt, sondern unmittelbar mit der rauen Welt konfrontiert. Das ist erfrischend und gefiel mir gut, da es ein detailliertes Bild der Welt erschafft. Was sonst noch auffällt ist die sehr feministische Perspektive. So werden etwa nur Frauen mit Hexentalenten geboren. Aber auch beinahe alle anderen wichtigen Figuren sind weiblich. Egal ob Händlerin, Hexe, Kriegerin. Sie tun genau das was in anderen Geschichten vielleicht häufig männlichen Charakteren vorbehalten ist. Sie brauchen vielleicht mal einen Freund, eine Helfende Hand, aber nie einen Retter. Um sinngemäß Hayao Miyazaki zu zitieren. Männliche Charaktere kommen in gleichberechtigten Rollen natürlich trotzdem vor, sind aber deutlich in der Unterzahl.
Die komplexe Welt bedarf natürlich eines großen Figurenensembles. Dies führt jedoch dazu, dass die meisten Charaktere bisher nur sehr oberflächlich betrachtet werden und man wenig bis gar nichts über ihre Hintergründe und Motivationen erfährt. Bei einem ersten Band einer hoffentlich länger laufenden Serie ist dies aber nicht weiter verwunderlich. Lediglich von der Hauptfigur Maika erfahren wir bisher mehr. Sie ist eine starke junge Frau die gnadenlos ihre Ziele verfolgt und ihren eigenen Kopf hat. Genau das macht ihr Verhältnis zu dem Monster in ihr so spannend. Das Monster – mich wundert etwas, dass ich in diesem Zusammenhang noch nichts gelesen habe – erinnert mich sehr stark ans Lovecraftuniversum. Vor alleine seine Darstellung mit unzähligen Augen und Tentakeln erinnert mich stark an Nyarlathotep. Die Darstellung seines Inneren ist an ägyptische oder sumerische Tempel angelehnt, was sich durchaus ebenfalls in lovecraftschen Kontext einordnen lässt. Maikas Stärke äußert sich neben ihrem gnadenlosen Umgang mit Feinden jeglicher Art vor allem auch in ihrem erstaunlich souveränen Umgang mit dem Monster in ihr. Doch bei aller Härte die sie vorgibt, hat sie ein gutes Herz. Das zeigt sich vor allem in ihrem Umgang mit der kleinen Kippa oder der Katze Ren. Dieses Verhältnis ist ihrerseits zwar nicht besonders herzlich und manchmal grob, aber sie beschützt das kleine Fuchsmädchen und scheint durchaus Sympathien für sie zu hegen. Neben Maika ist die kleine Kippa einer der wenigen anderen Charaktere, die relativ viel Aufmerksamkeit erhalten. Dabei erfährt der Leser bisher allerdings recht wenig über das Mädchen mit Fuchsohren und -Schwanz. Bisher wissen wir nur, dass es keine Eltern mehr hat. Das freundliche Mädchen mit ihrem putzigen Aussehen muss man allerdings einfach gernhaben. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass der Charakter in Fortsetzungen mehr Tiefe erhalten wird. Der hier rezensierte erste Band widmet sich Hauptsächlich dem zeichnen der Welt, dem Aufzeigen der Konflikte und der Etablierung der Grundstimmung. Diese Aufgaben löst der Comic auf interessante und spannende Weise. Der Einstieg fiel mir persönlich etwas schwer, da die Erzählstruktur und die Welt sehr komplex sind. Unterhaltsam ist es aber jederzeit! Wenn der Leser vor seinem geistigen Auge im letzten Buchdrittel aber erst einmal ein grobes Bild der Welt hat und sich ihm einiges erschlossen hat trumpft der erste Band im Finale auf. Vor allem deutet sich an, dass Maika, nachdem sie nun erste Antworten auf ihre vielen Fragen hat, etwas entspannter und nahbarer werden könnte. Dies täte dem Comic im weiteren Verlauf sehr gut. Denn ihre Unnahbarkeit macht es auch dem Leser schwer eine Beziehung zu ihr aufzubauen.
Seitens Cross Cult hat man zudem ebenfalls gute Arbeit geleistet. Der Comic ist auf sehr dickem und seidenmattem Papier gedruckt. Das passt prima zum Farbdesign, sieht toll aus und fasst sich schön an. Das macht einen sehr wertigen Eindruck. Passend hierzu würde ich mir aber statt des Softcovereinbands ein Hardcover wünschen um den Eindruck abzurunden. Die abgedruckte Landkarte auf der Innenseite des ausklappbaren Einbands und die kurzen Informationstexte zur Autorin und zur Zeichnerin sowie das zweiseitige Interview mit der Zeichnerin gefielen mir als kleiner Bonus gut. Durch das dicke Papier und die recht umfangreiche Seitenzahl mit 192 Seiten ist ein schönes Buch von durchaus beachtlicher Dicke zusammengekommen. Durch die sehr detaillierten Zeichnungen, die zum genauen betrachten einladen, und den vergleichsweise hohen Textanteil bringt es der erste Monstress Band auf beachtliche knappe drei Stunden Lesezeit. Hier gibt es für die 16,80€ sehr viel Comic.

Fazit

Der Leser wird mit Monstress in eine spannende, komplexe und ebenso gnadenlose wie faszinierende Fantasywelt geworfen. Das Bild der Welt und somit eine grobe Orientierung erschließen sich dem Leser zwar erst relativ spät im letzten Buchdrittel, doch trotzdem fesselt die Geschichte von Anfang an. Monstress zählt für mich persönlich optisch jetzt schon mit zum schönsten, was ich im Comicbereich bisher gesehen habe. Absolute Pflichtlektüre für Comic- und Fantasyfans.

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