Einleitung und Teil 1

2. Continuity vs. Multiplicity

„Transmedia storytelling represents a process where integral elements of a fiction get dispersed systematically across multiple delivery channels for the purpose of creating a unified and coordinated entertainment experience,“ (Jenkins 2007: o. S.) beschrieb Jenkins einmal das Transmedia Storytelling. Die vereinheitlichte und koordinierte Ausarbeitung eines Franchise oder einer Storyworld und ihrer Geschichten, die über vielfältige Kanäle verteilt sind aber ein großes Ganzes ergeben, spiegelt sich in dem Neustart des erweiterten Star Wars Universums wieder. Wie in Kapitel eins bereits erwähnt hat Lucasfilm nach der Übernahme durch Disney eine eigene Abteilung ins Leben gerufen, die den neuen Kanon betreuen und alle Inhalte aufeinander abstimmen soll. Dies hat zum einen zur Folge, dass alle offiziellen Geschichten zentral unter Kontrolle sind und zum anderen führt dies zu einem „very strong sense of “continuity” which contributes to our appreciation of the “coherence” and “plausibility” of their fictional worlds and that many hardcore fans see this kind of “continuity” as the real payoff for their investment of time and energy in collecting the scattered bits and assembling them into a meaningful whole.“ (Jenkins 2009: o. S.) Genau diese Fans sollen mit dieser Kontinuitäts-Strategie angezogen werden. Im Falle von Star Wars müssen wir das (Transmedia) Storytelling aus einer etwas anderen Perspektive betrachten.
Hier geht es in erster Linie nicht um das Ausloten von Partizipationsgrenzen oder um die Entwicklung neuartiger Formate, sondern um Geld. Disney ist zu allererst ein Unternehmen und als solches will es wachsen und vor allem Gewinne erwirtschaften. Alle offiziellen kanonischen Inhalte produziert oder zumindest kontrolliert Disney selbst. Möchten die User also in die Welt eintauchen und alle Storystränge und Hintergründe kennenlernen müssen sie auf offizielle Star Wars Publikationen zurückgreifen. Seien dies nun Spiele, Filme, Comics oder Bücher. Kostenloser User generated Content, Social-Media-Beiträge oder selbst ausgedachte Geschichten, die frei im Internet verfügbar sind, sind nicht Teil des offiziellen Kanons und bieten somit nicht denselben Anreiz ihnen nachzujagen in Bezug auf Kontinuität wie die kanonischen Inhalte es tun. Als Beispiele können praktisch alle Veröffentlichungen des neues expanded Universe Dienen. Exemplarisch soll hier einmal der Zeitraum zwischen Star Wars Episode IV Eine neue Hoffnung und Episode V Das Imperium schlägt zurück herhalten. Dieser Zeitraum wurde (im neuen expanded Universe) bisher Hauptsächlich mit Comucbuchserien und -Miniserien gefüllt. Unmittelbar nach der Ordensverleihung am Ende des ersten Films und nach der Schlacht von Yavin 4 setzt die Marvel Comic-Miniserie Princess Leia an. Diese nimmt die namensgebende Prinzessin und ihren Umgang mit dem Verlust ihres Heimatplaneten Alderaan, der vom Imperium mit Hilfe des ersten Todessterns im Film zerstört wurde, in den Fokus. Sie macht sich auf die Suche nach in der Galaxis verstreuten Alderaanern, um mit ihrer Hilfe eine neue Heimat für ihr Volk zu schaffen und ihrem Erbe als letzte Überlebende des Hauses Organa gerecht zu werden. (vergl. Waid et al 2015: o.S.) Nach diesem Geschichtsstrang erzählen die Comicbuchserien Star Wars (Marvel 2015) und Darth Vader die Geschichte um die Hauptfiguren fort. Das Besondere ist, dass beide Serien parallel spielen und veröffentlicht werden/wurden. Während die erste den Helden aus Episode IV folgt erzählt letztere die Geschichte aus Sicht des Imperiums und Darth Vaders fort. Nach mehreren Comicbuchausgaben, die jeweils auch in zwei Sammelbänden zusammengefasst erschienen, kreuzen sich beide Serien in dem Crossover (Umfang von einem Sammelband) Vader Down um danach wieder getrennte Wege zu gehen. Dies ist wohl das beste Beispiel für Kontinuität und Kohärenz in diesem zeitlichen Abschnitt des Star Wars Universums. Die Parallelität dieser Serien ist sowohl narrativ für den Leser spannend also auch von finanzieller Warte von Verlagsseite aus lukrativ, da die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass Leser der einen Serie auch die andere kaufen werden. Die Kontinuität und damit einhergehende Kohärenz und Plausibilität der Welt und ihrer Figuren ist also nicht nur zur Bindung und Bedürfnisbefriedigung von Hardcore Fans, wie Jenkins sie nennt, tauglich, sondern auch von Konzernseite aus wohl der beste Weg eine transmediale Storyworld kommerziell auszuwerten.
„Multiplicity allows fans to take pleasure in alternative retellings, seeing the characters and events from fresh perspectives,“ (Jenkins 2009: o. S.) und gibt dem Rezipienten so die Möglichkeit sich selbst die Versionen einer Geschichte auszusuchen, die ihm am besten gefallen oder ihn zu interessanten Was-wäre-wenn-Gedankenspielen anregen. Multiplicity macht eine Storyworld besonders komplex, darum „there needs to be clear signaling of whether you are introducing multiplicity within the franchise, as well as consistency within any given “alternative” version of the central storyline.“ (Jenkins 2009: o. S.) Der Rezipient muss also einordnen können wie sich eine Geschichte in eine größere Storyworld einfügt. Hierfür benötigt er Hinweise und Signale ob es sich um eine alternative Zeitlinie, Parallelwelt oder ähnliches handelt und im Zusammenhang mit welchem Storykomplex vielleicht eine Kohärenz und Kontinuität herrscht. In den Heldenuniversen der DC- und Marvel-Comics sind verschiedene Versionen eines Helden (beispielsweise Spiderman India, Ultimate Spiderman, Amazing Spiderman) oder verschiedene Welten, Parallelwelten oder alternative Zeitlinien Gang und Gebe. Die Comicverlage vertrauen darauf, dass die Fans in der Lage sind die Comicbücher einzuordnen. Hier kommt auch die kollektive Intelligenz und Partizipationskultur nach Jenkins ins Spiel. In selbst angelegten und organisierten Wikis, für Star Wars beispielsweise das englische Wookiepedia oder das deutsche Jedipedia, schaffen die Fans Übersicht über alle Inhalte eines Franchise und ordnen beispielsweise die Zeitlinien und verschiedenen Welten chronologisch und mit Querverweisen ein. Dies bedarf allerdings eines sehr hohen Interesses auf Seite der Leser/Nutzer. Dazu kommt, dass beispielsweise Comicbücher eher ein Special Interest Medium sind. Ganz im Gegensatz zu großen Blockbuster-Produktionen von Kinofilmen. Kinoblockbuster, wie in unserem Fall die Star Wars Episoden und zukünftig vielleicht die Anthologie-Filme, stellen die Lean-back-Variante des Star Wars Universums da. Sie müssen relativ leicht zu verstehen sein und eine Kontinuität aufweisen, damit nicht nur Hardcore Fans – das wären Nutzer der Lean-forward-Variante – sondern auch normale Kinogänger, die nur die Filme sehen, sich aber sonst nicht weiter mit dem Franchise befassen, die Filme verstehen können und diese konsumieren. Auch hier geht es natürlich um finanzielle Interessen. Einen Film, der viel Hintergrundwissen erfordert, dass nur in Spielen, Büchern und Comics zu erlangen ist, würden weniger Menschen im Kino anschauen. Raum für Multiplicity bleibt also nur Abseits der Filme als Hauptwerke in den Nebenwerken, die die Storyworld mit Hintergrundgeschichten, neuen Charakteren und Konflikten weiter ausschmücken. Das Endprodukt bei Star Wars sind nicht die Filme, nicht die Bücher oder Comics, sondern die erkundbare und ergründbare Storyworld die alle Geschichten und Einzelmedien als großes Ganzes erschaffen. Lean-forward-Usern erschließt sich dieses Star Wars Universum auf ganz andere Weise als dem Ottonormalverbraucher der nur die Filme sieht und vielleicht schon mal eine der Animationsserien Clones Wars oder Rebels gesehen hat. Diesen tiefer Involvierten Nutzern kann man Multiplicity bieten ohne sie zu überfordern oder zu verwirren. Das einfachste Beispiel für Multiplicity im Star Wars Universum sind wohl der offizielle von Lucasfilm/Disney gesteuerte Kanon und das als alternative Zeitlinie parallel stattfindende alte expanded Universe, jetzt bekannt als Star Wars Legends. Das Interessante hierbei ist, das die Clone Wars Serie sowie die ersten sechs Hauptfilme fester Bestandteil beider Zeitlinien sind. Exemplarisch soll hier einmal das Ende und die Fortführung von Star Wars Episode VI Die Rückkehr der Jediritter betrachtet werden. In der Star Wars Legends Zeitlinie setzt unmittelbar nach der Zerstörung des zweiten Todessterns und der Siegesfeier auf dem Waldmond Endor der Roman A Truce at Bakura an. Die Rebellenallianz empfängt einen Hilferuf vom Rande der Galaxis. Der abgelegene Planet Bakura wird von reptilienartigen Aliens, die von weither aus einer anderen Galaxis kommen, angegriffen. Der Planet wird vom Imperium regiert, dessen Abgesandte auf dem Planeten noch nichts vom Tod des Imperators Palpatine und der Niederlage in der Schlecht von Endor erfahren haben. Sie schließen schließlich einen zerbrechlichen Pakt mit der Rebellenallianz um die Galaxis vor dem scheinbar übermächtigen Feind verteidigen zu können. Diese Geschichte folgt mit Fokus auf Luke Skywalker den Helden der Orginal-Trilogie. (vergl. Tyers 1993: o. S) Im neuen Kanon allerdings setzt während der Schlecht um Endor und dem Angriff auf den zweiten Todesstern die Comicbuchserie Shattered Empire ein. Diese beinhaltet zwar auch die Hauptfiguren Han Solo, Leia Organa und Luke Skywalker, verfolgt aber hauptsächlich die Schicksale des Paares Kes Dameron, Pfadfinder und Infanteriesoldat der Rebellen, und Shara Bey, Kampfpilotin der Rebellen, nach der Schlacht um Endor. Für den Fall seines Todes hatte Imperator Palpatine bereits die Operation Cinder auf den Weg gebracht, mit deren Auswirkungen sich die Figuren konfrontiert sehen. Darüber hinaus wurde in Vorbereitung auf Star Wars Episode VII Das Erwachen der Macht bereits der Charakter Poe Dameron eingeführt. (vergl. Rucka et al 2015: a. S.) Dieser ist das gemeinsame Kind von Shara und Kes und erhält inzwischen eine eigene Comicbuchserie, welche, gemeinsam mit anderen Medien, den langen Zeitraum zwischen Episode sechs und sieben mit Leben füllen soll.
Weitere Beispiele für eine gewisse Multiplicity lassen sich in Videospielen finden. In dem von Electronic Arts veröffentlichten Spiel Star Wars Battlefront (2015) beispielsweise kann der Spieler die Schlacht von Hoth aus Episode V Das Imperium schlägt zurück in einem Multiplayergefecht nachspielen. Hierbei wird die Orginalhandlung zum Wohle des Spielerlebnisses etwas verändert. So hat der Spieler die Möglichkeit etwa in die Rollen von Luke Skywalker oder Darth Vader zu schlüpfen und auf dem Schlachtfeld mit dem Laserschwert zu kämpfen. Im Film hingegen ist Luke nur als Pilot eines Snowspeeders an dem Gefecht gegen die angreifenden AT-ATs des Imperiums beteiligt und Darth Vader taucht erst auf als die Rebellen ihre Basis bereits aufgeben müssen. Dies ist auch gleich der nächste Punkt: Die Rebellen unterliegen im Film, müssen ihre Basis aufgeben und fliehen. Im Spiel hingegen kann die Rebellenallianz die Verteidigungsschlacht gegen das anrückende Imperium gewinnen. Diese Änderungen – oder diese Multiplicity – ist grundlegend nicht dem Willen zum erzählen alternativer Geschichtshandlungen geschuldet, sondern dem Medium und seiner Spielmechanik. In einem kompetetiven Multiplayerspiel, in dem zwei Teams auf einem Schlechtfeld in einem Kriegsszenario gegeneinander antreten wäre wenig unterhaltsam, wenn eines der Teams die Schlacht nicht gewinnen kann, weil die Handlung nun einmal so vorgegeben ist. Dies würde für viel Frust und schnellen Verlust einer aktiven Spielerschaft sorgen. Also kann man festhalten, dass Multiplicity auch im kohärenten und konsistenten neuen erweiterten Star Wars Universum vorkommt, diese Multiplicity aber auch dem verwendeten Medium geschuldet sein kann. Ein ähnliches Beispiel für Singleplayer-Spiele wäre, wenn die Spielfigur stirbt, weil der Spieler nicht schnell, schlau oder schlicht gut genug war die von ihm erwartete Aufgabe im ersten Anlauf zu meistern. Der Spieler kann es in der Regel sofort noch einmal versuchen. Aber im Moment eines Bildschirmtodes würde – wenn man pingelig ist – für kurze Zeit eine alternative Zeitlinie vorliegen. Grade wenn man eventuelle Fortsetzungen bedenkt.
Als letzter Punkt, wenn es um Multiplicity geht, wäre User generated Content zu erwähnen. Dieser steht seit jeher sowohl außerhalb der Star Wars Legends Zeitlinie als auch außerhalb der des neues Expanded Universe. Aber die Fülle an Fanfictions, Fanfilmen, wie dem erfolgreichen Darth Maul Apprentice4, den Fanwikis, welche die Orginalgeschichten aus Fansicht zusammenfassen et cetera, oder den unzähligen Fan-Artworks auf Patreon, Deviantart und Co zeigen sogar eine sehr große Bandbreite der Multiplicity auf. So ziemlich alle großen Unterhaltungsfranchises umfassen auf Grund der aktiven Fankultur Multiplicity. Genauso auch Star Wars.
Um diesen Abschnitt zu einem Ende zu bringen kann man abschließend sagen, dass Continuity und Multiplicity in Konkurrenz zueinander stehen, sich aber nicht vollends ausschließen. Die Multiplicity in kommerziellen Storywelten im offiziellen kanonischen Bereich ist aber im Beispiel von Star Wars und dem neuen expanded Universe eher gering und nur in wenigen Sonderfällen wie Videospielen vorhanden.


4 https://www.youtube.com/watch?v=Djo_91jN3Pk

Quellen

Jenkins, Henry (2007): „Transmedia Storytelling 101“, [online] http://henryjenkins.org/2007/03/transmedia_storytelling_101.html [14.07.2016].

Jenkins, Henry (2009): „The Revenge of the Origami Unicorn: Seven Principles of Transmedia Storytelling (Well, Two Actually. Five More on Friday)“, [online] http://henryjenkins.org/2007/03/transmedia_storytelling_101.html [14.07.2016].

Waid, Mark; Dodson, Terry; Dodson, Rachel; Beelaire, Jordie (2015): „Star Wars – Princess Leia“ Paperback, Marvel Worldwide Inc., New York

Tyers, Kathy (1993): „A Truce at Bakura“, Bantam Books, New York

Rucka, Greg; Checchetto, Marco; Unzueta, Angel; Laiso, Emilio (2015): „Star Wars – Shattered Empire“ Paperback, Marvel Worldwide Inc., New York

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