5. Seriality

„A serial, then, creates meaningful and compelling story chunks and then disperses the full story across multiple installments. The cliff-hanger represents an archtypical moment of rupture where one text ends and closure where one text bleeds into the next, creating a strong enigma which drives the reader to continue to consume the story even though our satisfaction has been deferred while we await the next installment.“ (Jenkins 2009: o. S.) Nach Jenkins gibt es bei einer Serie eine Story, die durch die Gesamtheit aller Folgen in unserem Kopf entsteht nachdem wir die Episoden gesehen haben, und mehrere Plots, welche die Handlung der einzelnen Episoden darstellen. Auf die gleiche Weise funktioniert nach Jenkins auch das transmediale Geschichtenerzählen. Mit dem Unterschied, dass die Story nicht nur auf verschiedene Folgen einer beispielsweise Fernsehserie verteilt ist, sondern zusätzlich über verschiedene Medienkanäle. „We can think of transmedia storytelling then as a hyperbolic version of the serial, where the chunks of meaningful and engaging story information have been dispersed not simply across multiple segments within the same medium, but rather across multiple media systems.“ (Jenkins 2009: o. S.) Die meisten Betrachtungen transmedialen Erzählens waren von einer Nonlinearität ausgegangen, nach deren Auffassung die Reihenfolge in der die einzelnen „Chunks der Story“ rezipiert werden beliebig sein kann. Inzwischen stellt Jenkins diese Betrachtung aber in Frage. „So there’s work to be done to understand the sequencing of transmedia components and whether, in fact, it really does work to consume them in any order.“ (Jenkins 2009: o. S.) Dies bringt führt nun zum Beispiel Star Wars. Das bei Star Wars eine Serialität gegeben ist, dürfte relativ deutlich sein. Das Franchise Umfasst ein kohärentes Universum, welches stets das Prinzip Ursache und Wirkung berücksichtigt. Alle offiziellen Bestandteile bauen aufeinander auf und erzählen eine große Story. Auch Geschichten, in denen die zentralen Hauptfiguren wie Luke Skywalker, Leia Organa und Han Solo gar nicht vorkommen verraten aus anderer Perspektive trotzdem etwas über die Geschehnisse in der Galaxis und liefern Informationen, die sich die Hauptstory einfügen. Dazu kommt natürlich, dass es in einer Transmedia Storyworld verschiedene Geschichtsstränge gibt, die vor dem selben Hintergrund stattfinden. Die Star Wars Hauptwerke sind die drei Filmtrilogien, die jeweils aufeinander aufbauen. Damit die Filme aber auch von Neulingen im Franchise oder Gelegenheitszuschauern konsumiert werden, sind die Geschichten in sich abgeschlossen, bauen aber dennoch aufeinander auf. Man könnte sagen sie sind „leicht Episodisch“. Zwischen den Episoden-Filmen als Hauptwerke der Storyworld stehen dann noch die Anthologiefilme wie Rogue One und die Fernsehserien Clone Wars und Rebels. Diese erzählen nur Teilweise die Geschichten der Hauptfigure fort, erzählen aber die Geschichte der Welt weiter – und genau darum geht es bei Star Wars. Es gibt mehrere Hauptfiguren und besonders wichtige Episoden im doppelten Sinne, die zentrale Begebenheiten der Welt bestimmen. Die Lücken zwischen den Hauptwerken werden nach und nach mit Comicbüchern, Spielen und Romanen gefüllt. Jede einzelne Story fügt ein kleines Stück ins große Ganze.
Nun folgt ein kurzer exemplarischer Auszug, wie Serialität bei Star Wars in diesem Kontext aussieht: Der noch dieses Jahr startende erste Anthologiefilm Star Wars Rogue One wird erzählen, wie die Rebellen an die Pläne des Todessterns gelangen. Zu Beginn des wahrscheinlich unmittelbar anschließenden ersten Episidenfilms Eine neue Hoffnung fliehen die Rebellen mit den Plänen vor dem Imperium, werden jedoch aufgebracht. Nach Hilferuf der Prinzessin, der Einführung weiterer Hauptfiguren und schließlich dem Tode Kenobis durch Bösewicht Darth Vader und der Zerstörung von Prinzessin Leias Heimatplanet Alderaan kommt es zur Zerstötung der imperialen planetoiden Kampfstation „Todesstern“. Am Ende des Films erhalten Luke, Chewbacca und Han Auszeichnungen für ihre Verdienste in der Schlacht in deren Folge der Todesstern zerstört wurde. Während dieser Medaillienverleihung setzt die Comicbuchminiserie Princess Leia ein, die ihren Fokus auf die namensgebende Prinzessin legt. Die Serie begleitet die Prinzessin dabei den Verlust ihres Heimatplaneten Alderaan zu verarbeiten, während sie Versucht ihrer Pflicht als letzte Überlebende des regierenden Hauses Organa gerecht zu werden und für die Überlebenden ihres Volkes, die teilweise als Sklaven auf anderen Planeten leben, in eine neue Heimat zu führen. Nach diesen Ereignissen und vor Episode V Das Imperium schlägt zurück setzen noch weitere Comicserien und -Miniserien sowie der Roman Heir to the Jedi ein und füllen Lücken. Diese „hyperbolic version of the serial“ zieht sich durch das ganze Star Wars Franchise. Es gibt beispielsweise mehrere Comicbuch- und Fernsehserien, die zunächst einmal selbst eine Serialität aufweisen, inklusive Cliffhanger, die sich aber auch als komplettes Werk in die Serie des großen Ganzen einfügen.
Diese verschiedenen Werke werden in der Praxis allerdings nicht in der richtigen Reihenfolge veröffentlicht. Zuerst waren die Orginal Filmtrilogie, die Prequeltrilogie und die Serie Star Wars Clone Wars (wenn man vom neuen expanded Universe ausgeht). Alle neuen Veröffentlichungen seit 2014 füllen Lücken oder setzen die Handlung nach den bisherigen Ereignissen fort. Dies kann natürlich schnell verwirrend sein. An dieser Stelle kommt wieder die Fankultur und Partizipation ins Spiel. Die Fans tun sich zusammen und erstellen gemeinsam im Kollektiv Zeitstrahle, Mind-Maps oder Tabellen, die alle Filme, Comicbücher, Spiele, Kurzgeschichten, Romane und was es sonst noch alles gibt, chronologisch ordnen. Sie halten zudem Bezüge zwischen den Erzählungen und Charakteren fest. Dies alles ist ebenfalls Teils der zu einem früheren Zeitpunkt erwähnten Fanwikis wie Wookiepedia.com oder Jedipedia.de. An dieser Stelle möchte ich langsam zum Ende des Abschnitts kommen und Jenkins aufgeworfene Frage beantworten, ob die einzelnen Geschichten der Gesamterzählung in beliebiger Reihenfolge konsumiert werden können: Ja, sie können! Im Falle von Star Wars ist das engagierten Fans zu verdanken, die viel Zeit und Mühe investieren Leitfäden, Tabellen und Zeitstrahle zu erstellen, die es dem interessierten Rezipienten ermöglichen das gelesene, gespielte oder gesehene zeitlich und räumlich ins große Ganze einzuordnen.


Quellen

Jenkins, Henry (2009): „Revenge of the Origami Unicorn: The Remaining Four Principles of Transmedia Storytelling“, [online] http://henryjenkins.org/2009/12/revenge_of_the_origami_unicorn.html [14.07.2016].

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