Gespielt: Hellblade: Senua’s Sacrifice [PS4]

Fakten

Titel: Hellblade: Senua’s Sacrifice
Testplattform: PS4
Weitere Plattformen: PC
Studio: Ninja Theory
Genre: Action-Adventure
Setting: Psychosen, Kelten, Wikinger, Unterwelt
Erscheinungsdatum: 08.08.2017
Preis: 29,99€ (nur digital)

Ninja Theory sind ein riskantes Wagnis eingegangen und haben mit Hellblade: Senua’s Scrifice ihren ersten selbsternannten „AAA Independent“-Titel geschaffen und veröffentlicht. Warum diese Entscheidung für ihr neuestes Spiel offensichtlich eine gute Entscheidung war, möchte ich in diesem Text einmal umreißen.Hellblade: Senua's Sacrifice™_20170809160743

Story und Welt: Abstieg einer gequälten Seele in die Hölle

Im Zentrum des Spiels steht die keltische Kriegerin Senua. Schon als Kind litt sie an Psychosen, hörte Stimmen die niemand sonst vernahm und entdeckte Gesichter in den Wänden wo für andere keine waren. Der erste große Lichtblick in ihrem Leben war der junge Mann Dillion. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit Senua und nahm ihr den Geliebten und stieß sie zurück in die Finsternis. Um die Seele des Mannes zu retten tritt die Kriegerin der Pikten nun die weite Reise von den Orkney Inseln in die nordische Unterwelt Helheim an. Von Hella, der Herrscherin über das Reich der Toten, will sie Dillions Seele zurückfordern um ihr Frieden zu schenken und ihre eigenen Schuldgefühle zu besänftigen.

Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Diese geschilderte Ausgangslage wird bereits in den ersten Minuten des Spiels und im Trailer umrissen, lässt zunächst aber alle Details offen. Während die junge Frau immer weiter in die Hölle und ihren eigenen Wahnsinn hinabsteigt, muss sie sich ihrer Vergangenheit, ihren Traumata und ihren eigenen Dämonen stellen. Und genau dieser Themenkomplex macht Hellblade zu solch einem besonderen Spiel, das kein Publisher je durchgewunken hätte. Eines vorneweg: Ninja Theory schaffen es dabei Senua trotz ihrer Fehler und Probleme als mündige und starke Frau dazustellen, die sich bereitwillig ihrem Schicksal stellt und allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Ziele verfolgt. Das weiß wirklich zu gefallen.
Um eine ganz spezielle Spieleerfahrungen zu ermöglichen und um Psychosen, Stimmen im Kopf und eine verzerrte Wahrnehmung der Realität glaubwürdig und realistisch darstellen zu können, arbeiteten die Entwickler eng mit Betroffenen, Therapeuten und Wissenschaftlern zusammen. Das merkt man dem Spiel auch an, denn alles wirkt wirklich authentisch und wie aus einem Guss. Besonders die dauerpräsenten Stimmen in Senuas Kopf und somit im Kopf des Spielers machen einen großen Teil der Faszination des Spiels aus. Je nach Situation flüstern die Stimmen, reden normal oder schreien sogar. Einige Stimmen sind stets ängstlich, andere treiben Senua an, machen ihr Mut. Andere wiederum kommentieren das Geschehen schon fast sarkastisch und machen sich über die Frau lustig. Anfangs sind diese Stimmen durchaus belastend, besonders wenn man das Spiel wie empfohlen über Kopfhörer spielt. Aber wie auch Senua lernt der Spieler mit diesen Stimmen zu leben, denn teilweise unterstützen sie den Spieler und warnen ihn etwa vor Gefahren im Rücken. Aber wie sehr diese Stimmen im Kopf zur Normalität werden können, merkt man an der einsetzenden Beklemmung, wenn sie plötzlich gänzlich verstummen und Senua beziehungsweise den Spieler allein lassen…

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Technik: Stimmen im Kopf

…Das alles in phantastischem binauralen Audio, was eine perfekte Ortung im Raum mit Stereoton ermöglicht. Dass die englische Synchronisation dabei über jeden Zweifel erhaben und wirklich gelungen ist trägt definitiv zum Vergnügen bei. Ist man des gut verständlichen Englischs mächtig empfehle ich übrigens wärmstens den Untertitel abzustellen, da er meiner Meinung nach Das Erlebnis durchaus stört. Aber auch die übrige Soundkulisse ist wirklich phantastisch. Egal ob Plätschernde und glucksende Bäche, realistische Bewegungsgeräusche von Senuas Schritten, ihrer Fell- und Lederbekleidung und wuchtige Schläge und klirrende Waffen in den Kämpfen, alles klingt unheimlich realistisch. Zusammen mit dem stimmigen Soundtrack zwischen Dronesounds, Folklore und Elektro erzeugt der Sound alleine schon eine dichte Atmosphäre.
Aber auch grafisch sieht Hellblade wirklich gut aus, denn die Unreal Engine 4 darf zeigen was sie kann. Besonders die verschiedenen Lichtstimmungen sind einfach toll anzusehen. Am meisten beeindruckt war ich neben Senua selbst lustigerweise von sowas banalem wie den Bodenbelägen. Denn egal ob Holzbrücke, Strand oder felsiger Höhlenboden: Die Böden sind wirklich fotorealistisch. Auch die restliche Umgebung ist grafisch wirklich hübsch, hat auf der PS4 allerdings an manchen Stellen nicht besonders hoch aufgelöste Texturen. Abstriche muss man zudem wie etwa bei Horizon Zero Dawn auch beim Wasser machen. Das tut dem insgesamt mehr als ansprechenden optischen Gesamteindruck jedoch keinen Abbruch. Außerdem darf die Unreal Engine in dem Spiel mehr als nur gut aussehen. Sie darf nämlich Senuas verzerrte Wahrnehmung darstellen. So tauchen bei bestimmten Rätseln etwa leuchtende durch die Luft schwebende Runen oder auch mal sehr künstliche und künstlerische Lichtstimmungen auf. Das fügt sich dank der gelungenen Umsetzung jedoch sehr gut ins Gesamtbild ein. Wenn man an der Grafik etwas kritisieren möchte, dann könnte man die eher schmale Bandbreite der Welt anführen was die Vielfalt anbelangt. Es gibt Strände, Dörfer, Tempelartige Ruinen und Höhlen, aber alles hat man schon mal gesehen. Die Designs sind zwar hübsch und stimmungsvoll aber eben auch recht beliebig und könnten so auch aus einem Rollenspiel der Marke Skyrim, einem Dark Souls oder einem anderen Action-Adventure stammen. Das ist hier aber klagen auf ganz, ganz hohem Niveau und schlägt sich nicht auf das Spielevergnügen nieder. Um den tollen optischen Gesamteindruck besser einfangen zu können bringt das Spiel übrigens einen recht großzügigen und alles in allem gelungenen Fotomodus mit sich.

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Gameplay: Dreifaltigkeit des Gameplays

Zuerst fällt auf, dass Hellblade völlig auf ein Tutorial und auf ein Interface beziehungsweise HUD verzichtet. Genau wie Senua wird der Spieler also in eine ihm völlig unbekannte Welt hineingeworfen, deren Regeln und Gesetze er lernen muss zu verstehen. Rein Spielemechanisch ist Hellblade ein Action-Adventure. Jedoch mit Besonder- beziehungsweise Eigenheiten: Das Spiel teilt sich grob in drei Abschnitte ein, die sich stets abwechseln, aber nie vermischen. Den Spielfluss stört dies kaum, da die Übergänge flüssig sind, aber es macht das Spiel ein bisschen Vorhersehbar und fühlt sich sehr konstruiert an. Der erste der drei Spielanteile umfasst das erkunden der Welt. Mit dem Haken, dass es in den sehr linearen Levels links und rechts des Weges nur wenig mehr als die hübsche Grafik zu entdecken gibt. Nur einige nicht übermäßig gut versteckte Runensteine, die einem beim Anvisieren Auszüge aus der nordischen Mythologie erzählen, gilt es zu finden. Diese Geschichtsstunden sind eine nette Auflockerung und haben stets auch mehr oder weniger Bezug zum unmittelbar folgenden Spielgeschehen. Gefiel mir soweit ganz gut. Bei dem Fokus auf Hauptcharakter, Story und Atmosphäre bei gleichzeitig sehr kleinem Entwicklerteam stören die sehr linearen Levels jedoch nicht. Erkunden darf der Spieler die Welt für ein Action-Adventure eher untypisch nur laufend, denn springen oder klettern, lässt man die paar Leitern mal außen vor, darf Senua nicht. Das viele Laufen wird auf Dauer schon etwas eintönig, weil die Passagen teils zu lang sind und in dieser Zeit einfach nichts passiert. Nerviges Backtracking an einigen Stellen macht es nicht unbedingt besser. Der zweite Spielanteil sind die Kämpfe. Diese finden aber losgelöst vom übrigen Spielgeschehen statt: Wie in älteren Devil May Cry teilen betritt man eine größere Freifläche, die Ausgänge werden versperrt und es spawnen teils gleichzeitig, teils nacheinander mehrere Gegner, die es zu besiegen gilt, bevor es weitergehen kann. Das ist zwar immer sehr vorhersehbar und wirklich wenig dynamisch, fast ein bisschen altbacken, aber fügt sich eigentlich recht gut ins Spiel. Dafür sorgt vor allem das einfache aber faire und durchaus motivierende Kampfsystem. Senua kann lediglich ausweichen, Blocken, einen schnellen oder einen kräftigen Hieb ausführen, das wars. Aber durch gekonntes kombinieren gehen die Kämpfe flüssig von der Hand und machen Spaß. Die Vielfalt der Gegner hält sich auch im Rahmen. Eigentlich gibt es nur drei verschiedene Gegnertypen – einen nordischen Hühnen, eine fast dämonische Gestalt mit Tierschädel und einen Muskulösen Riesen mit großer Axt. Von den ersten beiden gibt es allerdings Versionen mit unterschiedlicher Bewaffnung, die sich entsprechend alle in ihrem Movementset und ihren Angriffen unterscheiden. Da jeder Gegner aber nur über 3-5 unterschiedliche Angriffe verfügt lassen sich ihre Aktionen gut antizipieren. Für eine Spieldauer von 7-10 Stunden ist die Gegnervielfalt und das recht simple aber effektive und spaßige Kampfsystem völlig okay. Hat man es mal mit mehr als drei Gegnern gleichzeitig zu tun kann man aber schonmal kurzzeitig ins Schwitzen kommen oder löst einfach den sich durch Attacken aufladenden Fokus aus um seine Gegner in eine Art Zeitlupe zu versetzen und sie mit einigen Kräftigen Schlägen leichter zu besiegen. Eine schöne Abwechslung zu den normalen Kämpfen sind die drei Bossfights, die einen etwas anderen Einsatz des Fokus erfordern.

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Der dritte und letzte Spielanteil sind die Rätselpassagen. Immer wieder müssen wir Runen die von Schatten, Ästen, Balken und ähnlichem gebildet werden in der Spieleumgebung suchen um verschlossene Tore zu öffnen. Das ist die ersten 2-3 Male auch noch ganz cool, weil es gut Senuas Psychosen illustriert, nutzt sich danach allerdings schnell ab und taucht immer und immer wieder auf. Deutlich gelungener und spannender sind die Rätsel für deren Lösung Senua durch Masken oder Portale zwischen unterschiedlichen Versionen der Realität wechseln muss um sich neue Wege zu schaffen. Am meisten hängengeblieben sind bei mir aber die vier Trials of Odin, die einzigartige Konfrontationen mit Senuas Vergangenheit und Traumata darstellen. So muss man sich etwa in fast völliger Dunkelheit über den Ton zurechtfinden und unheimlichen Gestalten ausweichen oder muss ohne Waffen vor einer Art Feuergeist fliehen. Diese Passagen waren schon ziemlich cool und ich hätte gern noch ein paar mehr solcher Ideen gesehen. Davon abgesehen, dass viele Rätsel sich zu stark wiederholen und sie nichts wirklich Neues sind, ist das Rätseldesign solide aber nicht herausragend.
Aufglockert wird das Spielerlebnis durch einige Videosequenzen in Ingame-Grafik, die nahtlos ins Spielgeschehen übergehen und Details über Senuas Leben und Vergangenheit offenbaren. Das fügt sich dadurch sehr gut ins Gesamtbild ein und ist eine der Stärken des Spiels.

Fazit:

Hellblade: Senua’s Sacrifice verfolgt einen sehr spannenden Ansatz. Sowohl auf Produktions- als auch auf Spielebene. Das Konzept des „AAA Independent“ Spiels scheint voll aufzugehen. Ninja Theory liefern uns ein gutes Spiel mit toller Technik sowie herausragender Thematik, Hauptfigur und Story die in ihrer Einheit absolut zu überzeugen wissen. Kleinere Schwächen im Spieldesign macht das Studio durch tolle Atmosphäre und den mutigen sowie würdigen Angang schwieriger Themen, wie psychischer Erkrankungen, locker wett. Hellblade ist als Spiel „gut“, als Spieleerfahrung aber wirklich hervorragend und definitiv einen Blick Wert. Die knapp 30€ für dieses Werk sind eine wirklich faire und lohnende Investition.

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