Die lebende Tote

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© Splitter Verlag

Fakten

Comic: Die lebende Tote
Autor: Olivier Vatine
Zeichner: Alberto Varanda
Kolorist: Olivier Vatine & Isabelle Rabarot
Verlag: Splitter Verlag (Leseprobe)
Sprache: Deutsch
Seiten: 72
Lesezeit: ca 40 Minuten
Format: 23,3 x 1,5 x 32,3 cm
Erschienen: 22.05.2019
Preis: 18,00 € (affiliate Link)

Handlung

Die Zukunft. Nachdem die Erde zunehmend unbewohnbar wurde kam es zum großen Exodus und die meisten Menschen wanderten zum Mars aus. Doch einige wenige blieben auf der Erde. So auch Martha, die Geld damit verdient Relikte, verlorenes Wissen und Bücher aus Ruinen bergen zu lassen. Bei einer dieser Expeditionen kommt ihre Tochter Lisa durch einen tragischen Unfall zu Tode.
Von dem Wunsch beseelt ihre Tochter wieder zum Leben zu erwecken lässt die reiche Frau kurzerhand den wegen unethischer Forschungen verurteilten Wissenschaftler Joachim vom Mars einfliegen. In den Kellergewölben ihrer Burg in den Bergen macht er sich ans Werk…

Review

Eine einbändige Graphic Novel die Lovecraft, Science-Fiction und klassische Schauerromane miteinander verheiratet und noch dazu sehr eigenständig und ansprechend aussieht? Wird gekauft! Die Rede ist von Die wandelnde Tote aus dem Hause Splitter. Die Kurzbeschreibung sowie das stimmige Coverartwork machten mich neugierig auf das Album.
Der Comic ist lose in fünf Kapitel aufgeteilt, die trotz gelegentlicher Zeitsprünge narrativ direkt aneinander anschließen. Das erste Kapitel dient dabei als eine Art Prolog für die Handlung und Exposition für das Setting. Es erzählt von der Bergung alter Relikte aus der Zeit vor dem Exodus der Menschen zum Mars und von Lises tragischem Tod. Dieser Teil des Comics ist es auch, der den Eindruck erweckt man hätte es mit einer Science-Fiction Geschichte zu tun. Doch der Schein trügt! Denn spätestens, wenn der Wissenschaftler Joachim in Marthas Schloss in den Pyrenäen eintrifft wandelt sich das Bild und man glaubt sich zusehends in einem Werk der klassischen Schauerliteratur. Waren die Science-Fiction Landschaften der ersten zwei Kapitel noch recht klar und hell ist der Rest der Graphic Novel zunehmend düsterer, atmosphärischer. Das Schloss, das nach Marthas Aussage dem berühmten Schloss Neuschwanstein nachempfunden ist, ist voller tiefer Schatten. Die gotischen Bögen und Fenster, die engen Wendeltreppen und düsteren Bibliotheken sind meist nur wage zu erkennen. Dies verleiht dem Comic die schön schaurige und bedrohliche Atmosphäre und unterstreicht gleichzeitig, dass die Protagonisten eine Welt jenseits des Rationalen, jenseits jeglicher Moralvorstellungen betreten haben.
Klar, die einzelnen Teile, aus denen die Geschichte zusammengesetzt ist, sind bei weitem nicht neu. Insgesamt fühlt sich die Mischung aus Lovecraft (Tentakelwesen & „Reanimator“), Schauerroman (am deutlichsten Frankenstein) und dem postapokalyptischen Science-Fiction-Setting mit der Besiedlung des Mars‘ aber neu genug an um als eigenständige Mischung zu überzeugen. In der ersten Hälfte des Comics ist die Geschichte auch in einem sehr angenehmen Tempo erzählt, das den Bildern erlaubt zu wirken und zu atmen. Das gefiel mir sehr gut, denn die Atmosphäre ist die Stärke des Werkes. Ab etwa der Hälfte des Comics zieht das Tempo jedoch immer weiter an und dieser büßt dadurch meiner Meinung nach etwas von der schaurigen Stimmung ein. Die dramatischen Entwicklungen im letzten Drittel als Folge der unmoralischen Experimente wurden mir persönlichen ein wenig zu schnell abgehandelt und verlieren so etwas an Wirkung. Ein wenig mehr Zeit in Form eines weiteren Kapitels oder gar einer Ausweitung auf zwei Bände hätte der Geschichte sicher gut zu Gesicht gestanden. Das ist aber Kritik auf hohem Niveau.
Das eigentliche Highlight des Comics ist aber die Optik. Die eher flächig kolorierten Zeichnungen sind nämlich über und über mit feinen Schraffuren bedeckt, welche den Dingen und Figuren durch die Richtung, Dichte oder Weglassung der Striche erst ihre Strukturen verleihen oder sie in den Schatten verbirgt. So muten die oft beinahe monochromen Bilder wie alte Illustrationen von Gustave Doré an, der passenderweise auch Werke wie Miltons verlorenes Paradies, Dantes göttliche Komödie oder Texte Poes illustrierte. Wie man es von Splitter kennt, ist die Umsetzung auch hier eine sehr angemessene. Das schöne Coverartwork kommt im großen Albumformat gebührend rüber und profitiert von der matten Oberfläche. Auch das annähernd seidenmatte Papier der Innenseiten ist optisch wie haptisch wieder top.

Fazit

Wer nach einer kurzweiligen Graphic Novel im Stile klassischer Schauerliteratur sucht und sich modernen Einsprengseln nicht verschließt, der kann mit die wandelnde Tote eine schaurig schöne Geisterstunde verbringen. Das Ideale Erzähltempo der ersten Hälfte kann die zweite zwar nicht ganz halten, aber darüber kann die wirklich gelungene, atmosphärisch dichte und eigenständige Optik hinwegtrösten. Insgesamt ein guter Oneshot für zwischendurch, der mit ein oder zwei Kapiteln mehr ein echter Hit wäre.

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