„After Star Wars was released, it became apparent that my story—however many films it took to tell—was only one of thousands that could be told about the characters who inhabit its galaxy. But these were not stories that I was destined to tell. Instead, they would spring from the imagination of other writers, inspired by the glimpse of a galaxy that Star Wars provided. Today, it is an amazing, if unexpected, legacy of Star Wars that so many gifted writers are contributing new stories to the Saga.“

― George Lucas –

In der Einführung von Splinter of the Mind’s Eye, 1990


Inhaltsverzeichnis:

Einleitung, Betrachtungsgegenstand, 1: Spreadability vs. Drillability
2: Continuity vs. Multiplicity
3: Immersion vs. Extractability
4: Worldbuilding
5: Seriality
6: Subjectivity
7: Performance

Einleitung

Im Rahmen einer Hausarbeit habe ich das Star Wars Universum im vergangenen Juli hauptsächlich an Hand der sieben Prinzipien des Transmedia Storytellings nach Henry Jenkins untersucht. In diesem Zusammenhang möchte ich an den passenden Stellen Partizipationskultur und an geeigneter Stelle die Gamification kurz mit ins Spiel bringen.
Für diese Arbeit stützte ich mich auf wenige ausgewählte Werke des Star Wars Universums, mit deren Hilfe sich Jenkins Thesen mit praktischen Beispielen unterfüttern lassen. In den einzelnen Abschnitten zu jedem von Jenkins Prinzipien werde ich die Ausgewählten Werke soweit wie nötig vorstellen. Für jede These habe ich die in meinen Augen geeignetsten Beispiele ausgesucht, die das Prinzip untermauern und der Veranschaulichung am besten dienlich sind.

Zum Betrachtungsgegenstand

Diese Hausarbeit beschränkt sich, außer wenn es in besonderen Fällen als Beispiel allein nicht ausreicht, hauptsächlich auf den Neuentwurf des erweiterten Star Wars Universums ab 2014, der nach der Übernahme von Lucasfilm durch Disney am 30.10.2014 (thewaltdisneycompany.com 2012: o. S.) initiiert wurde. Das sehr umfangreiche alte expanded Universe ist nicht mehr Teil des Kanons, sondern bildet nun eine alternative Zeitlinie, die unter dem Label Legends weiterexistiert. (vergl. Starwars.com o. A. 2014: o.S.) Das neue Expanded Univierse entsteht nun komplett unter der Kontrolle durch Disney um sicher zu gehen, dass sich alles ineinanderfügt und es zu keinen Widersprüchen kommt oder Richtungen eingeschlagen werden, die nicht im Sinne des Disneykonzerns sind. „Under Lucasfilm President Kathleen Kennedy’s direction, the company for the first time ever has formed a story group to oversee and coordinate all Star Wars creative development.“ (Starwars.com o. A. 2014: o.S.) Unter dem Dach von Disney wird Lukasfilm weiterhin für die Produktion von Star Wars Filmen und Fernsehserien zuständig sein. Ebenfalls als Teil von Disney, und schon früher als Herausbringer von Star Wars Comicbüchern und Graphic Novels aktiv gewesen (Bevor die Lizenzrechte zwischendurch etliche Jahre bei Dark Horse Comics lagen), ist der Comicriese Marvel an der Fortschreibung der Geschichte von Star Wars beteiligt. (Starwars.com o. A. 2014: o.S.) Dritter im Bunde ist der Buchverlag Del Rey, der für die Publikation neuer Star Wars Romane und Jugendbücher zuständig sein wird. (vergl. Starwars.com o. A. 2014: o.S) Darüber hinaus hat der Videospielehersteller Electronic Arts auf mehrere Jahre einen Exklusivdeal für die Marke Star Wars mit Disney abgeschlossen. (Starwars.com o. A. 2013: o.S.) Diese exklusiven Deals sowie Lukasfilm und Marvel als Teile des Disneykonzerns eröffnen neue Möglichkeiten. Nach der Übernahme durch Disney hatte Kennedy bereits Zukunftspläne geäußert, die eine Untersuchung unter transmedialen Gesichtspunkten nahelegen: “We’re set to bring Star Wars back to the big screen, and continue the adventure through games, books, comics, and new formats that are just emerging. This future of interconnected storytelling will allow fans to explore this galaxy in deeper ways than ever before.” (Starwars.com o. A. 2014: o.S.)

Untersuchung der sieben Thesen nach Jenkins

Bevor wir das Transmedia Storytelling im Star Wars Universum eingehender mit Hilfe von Jenkins Prinzipien näher untersuchen gibt es zuerst eine kurze allgemeine Einführung ins Transmedia Storytelling wie Jenkins es definiert.
„Transmedia storytelling represents a process where integral elements of a fiction get dispersed systematically across multiple delivery channels for the purpose of creating a unified and coordinated entertainment experience.“ (Jenkins 2007: o. S.) Beim Transmedia Storytelling geht es nach Henry Jenkins also nicht mehr nur um das Erzählen einer einfachen Geschichte. Es gibt nicht nur ein Buch, einen Film beziehungsweise eine Reihe von Büchern oder Filmen, sondern eine Vielzahl von Einzelkomponenten, die über verschiedene Kanäle distribuiert werden und zusammengenommen ein großes Ganzes ergeben.
„Transmedia storytelling describes one logic for thinking about the flow of content across media“ (Jenkins 2011: o. S.). Bei Transmedia geht es also um die systematische Verteilung verschiedener Teile verschiedener Geschichten über verschiedene Medienkanäle und deren Verknüpfung. Es geht um „the art of world making. To fully expierience any fictional world, consumers must assume the role of hunters and gatherers, chasing down bits of the story across media channels, comparing notes with each other via online discussion groups, and collaboration to ensure that everyone who invests time and effort will come away with a richer entertainment experience.“ (von Jenkins 2008, zitiert nach Söller-Eckert 2013: 343) Der Nutzer muss sich also auf Schnitzeljagd begeben und nach den verschiedenen Geschichten und Storyhäppchen suchen und diese selbst zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Als Anreiz hierfür winkt eine einzigartige, immersive und reichere „Unterhaltungserfahrung“. Wenn man denn so möchte stellt dies auch eine schwache Form von Gamification dar. Der Nutzer muss mit anderen Usern interagieren, kooperieren und Hürden meistern um tiefer in die fiktionale Welt, die Storyworld, eintauchen zu können.

1. Spreadability vs. Drillability

„Spreadability refered to the capacity of the public to engage actively in the circulation of media content through social networks and in the process expand its economic value and cultural worth.“ (Jenkins 2009: o. S.) Bei der Spreadability geht es also um das Potential der Verbreitung eines Franchise oder einer Storyworld durch die Beteiligung der normalen Nutzer vorzüglich in sozialen Netzwerken, was wiederum einen Einfluss auf den ökonomischen Wert und den kulturellen Wert der Marke hat, weil mehr Menschen mit ihr in Kontakt kommen. Die zwei bis drei Jahre vor dem Erscheinen von Star Wars Episide VII Das Erwachen der Macht bieten sich hier als guter Betrachtungszeitraum an. Schon die Übernahme von Lucasfilm durch Disney und die Ankündigung neue Filme zu produzieren sorgten für Massenreaktionen im Netz. Zu kaum einem anderen Franchise wurde vor und während der Produktion so viel Diskutiert wie zu The Force Awakens. Worum geht es? Sind die alten Hauptfiguren wieder mit dabei? Welche Schauspieler sind neu? Die Mediennachrichten-Seiten stürzten sich auf jede noch so kleine Information und die entsprechenden Beiträge auf Facebook oder Twitter wurden hundert- bis tausendfach geliked, geteilt, retweetet oder kommentiert. Durch die dauerhafte Präsenz in den sozialen Medien waren die Erwartungshaltung und die Vorfreude riesig. Als schließlich der erste Teaser veröffentlicht wurde, wurde dieser in Stunden zum erfolgreichsten Film-Teaser überhaupt. „The teaser trailer for Star Wars Episode VII: The Force Awakens had the best first week of any trailer on YouTube in 2014, according to technology firm Zefr, which tracks the numbers.“ (Lewis 01.12.2014: o.S.) Auch die folgenden Trailer und Interviews erhielten Massenhaft Klicks, viele davon vermutlich über andere soziale Medien. Alleine auf dem Offiziellen Youtube-Channel von Star Wars haben der erste Teaser1 23.232.699 Aufrufe (Stand 16.07.2016), der zweite Teaser2 78.182.110 Aufrufe (Stand 16.07.2016) und der erste richtige Trailer3 schließlich 93.751.748 Aufrufe (Stand 16.07.2016). Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, der die Trailer und Teaser auch auf vielen anderen Youtube-Channels oder etwa direkt auf Facebook geteilt wurden. Ebenfalls großes Interesse erzeugen die News zum ersten Star Wars Anthologie Film Rogue One. Die kürzlich durchgesickerten Informationen zu nötigen Nachdrehs erzeugten einen großen Aufschrei im Netz. Diese Spreadability beschränkt sich im Falle von Star Wars jedoch hauptsächlich auf Marketinginhalte wie Teaser und Trailer und auf News zu den Filmproduktionen. Konkrete Storybausteine, also Inhaltliche Bestandteile des Universums, sind hingegen in den Sozialen Medien überhaupt nicht verbreitet. Vermutlich liegt dies daran, dass es keine offiziellen kanonischen Inhalte zu Star Wars gibt, die kostenlos im Netz verbreitet werden. Star Wars als Transmedia Storyworld ist komplett auf eine kommerzielle Ausreizung ausgelegt. Alle offiziellen Inhalte sind nur in käuflich zu erwerbenden Büchern, Comics, Filmen, Videospielen und ähnlichem zu finden. Eine wirkliche Spreadability, wie sie etwa in anderen Storywelten mit Vermisstenanzeigen von fiktionalen Personen einer Storyworld die verschwunden sind oder mit einem offiziellen Blog eines Hauptcharakters einer Geschichte möglich wäre, gibt es im Falle von Star Wars nicht.
Bei der Drillability geht es auch um Nutzerengagement, aber auf einer anderen Ebene. Es geht hier nicht um die Verbreitung einer Storyworld um eine größere Masse zu erreichen und einen größeren Markenwert zu schaffen sondern um das Schaffen eines Modus „of forensic fandom that encourages viewers to dig deeper, probing beneath the surface to understand the complexity of a story and its telling. Such programs create magnets for engagement, drawing viewers into the storyworlds and urging them to drill down to discover more.“ (Mittell 25.02.2009: o.S.) Es geht also darum eine hoch komplexe Storyworld zu entwickeln in die der Leser/Nutzer eintauchen kann, die dazu einlädt tiefer zu bohren um Hintergründe und Zusammenhänge kennenzulernen und zu verstehen. Bei kaum einer andere Storyworld passt der Begriff Universum so gut wie auf Star Wars. Es ist wirklich ein ganzes Universum, das sehr viele Planeten, Rassen, Pflanzen, Raumschiffe, Konflikte und den Weltraum umfasst, die durch die veröffentlichen Geschichten aufgezeigt werden. Star Wars hat sogar eine eigene Zeitrechnung. Dieses Universum bietet theoretisch den selben Grad an Komplexität, wie sie unser reales Universum bietet. Alle Filme, Bücher, Comics, Spiele und was sonst noch kommen mag füllen diesen theoretischen leeren Raum mit Geschichten und Inhalten. Und nun kommen wir zur Partizipationskultur und der anderen Seite der Drillability. Im Kollektiv legen vielen Hardcore Fans großen Eifer an den Tag die von Autoren und Filmemachern geschaffenen Inhalte enzyklopädisch zu erfassen und auf einer selbstorganisierten Plattform zu speichern und zu organisieren. Das beste Drilliability-Beispiel in dieser Richtung sind Fanwikis wie Jedipedia.de oder Wookiepedia.com. Diese Plattformen beinhalten beinahe alle Informationen die es zu Star Wars zu finden gibt. Sowohl auf Inhaltlicher Ebene im Star Wars Universum selbst als auch auf publizistischer Ebene (Sprich Bücher, Serien, Filme etc.). Vom Eintrag über jede Comicbuch-Miniserie bis hin zu pseudowissenschaftlichen Beiträgen über fiktionale Pflanzen und Lebensformen oder technische Beiträge über den Aufbau von speziellen Raumschiffen ist dort alles zu finden was es triviales und wissenswertes zu Star Wars zu finden gibt. Die Drillability steigt hierbei mit dem Grad des Involvements des Rezipienten. Der Nutzer der Lean-back-Variante schaut die Filme und vielleicht die Fernsehserien. Mit steigendem Interesse des Rezipienten – er wählt die Lean-forward-Variante – erschließen sich ihm nach und nach neue Medien und Geschichten. Möchte der Rezipient mehr erfahren was zwischen den Filmen passiert, also tiefer bohren, so hat er die Möglichkeit Romane oder Comics zu lesen. Möchte er eine interaktivere Storyworld-Erfahrung machen greift er zu einem Videospiel. Möchte er dann immer noch mehr eröffnet sich die Welt des User generated Content. Bei der Drilliabilty geht es also um Tiefe und Komplexität einer fiktionalen Welt, die das Eintauchen in diese erst ermöglichen. Die Spreadability ist meinen Augen davon trotz eventueller Überschneidungen losgelöst zu betrachten. Bei der Spreadability geht es für mein Verständnis darum Rabbitholes zu schaffen, die sich eignen in sozialen Medien Einstiegspunkte in die Storyworld zu verbreiten. Die Inhalte dieser gestreuten Inhalte dürfen dafür nicht zu tiefgreifend sein, da sie sonst eher abschrecken als dazu einzuladen in die Welt einzutauchen. Sie müssen in Beschaffenheit und Inhalt so sein, dass auch Außenstehende mit der Information etwas anfangen können und eingeladen werden sich der Storyworld zu öffnen. In der Regel sind diese Inhalte auf Grund der eher geringen Tiefe für Rezipienten die sich in der Storyworld auskennen nicht von Interesse, da sie die vermutlich schon kennen. Aber im Idealfall lädt ein spreadable Beitrag zum tieferen Bohren in der Storyworld ein.

Morgen geht es dann mit These Nummer 2 weiter: 2. Continuity vs. Multiplicity


1 https://www.youtube.com/watch?v=erLk59H86ww
2 https://www.youtube.com/watch?v=ngElkyQ6Rhs
3 https://www.youtube.com/watch?v=sGbxmsDFVnE

Quellenverzeichnis

Einleitung

Zum Betrachtungsgegenstand

o.V. (30.10.2012): Pressemeldung „Disney to Acquire Lucasfilm Ltd.“ auf thewaltdisneycompany.com [online] https://thewaltdisneycompany.com/disney-to-acquire-lucasfilm-ltd/ [15.07.2016]

o.V. (25.04.2014): „THE LEGENDARY STAR WARS EXPANDED UNIVERSE TURNS A NEW PAGE“ auf Starwars.com [online] http://www.starwars.com/news/the-legendary-star-wars-expanded-universe-turns-a-new-page [15.07.2016]

o.V. (03.01.2014): “ Lucasfilm and Marvel Entertainment Join Forces to Publish Star Wars Comics and Graphic Novels“ auf Starwars.com [online] http://www.starwars.com/news/lucasfilm-and-marvel-entertainment-join-forces-to-publish-star-wars-comics-and-graphic-novels [15.07.2016]

o.V. (06.05.2013): „Electronic Arts Selected for Multi-Year Agreement for the Future of Star Wars Gaming“ auf Starwars.com [online] http://www.starwars.com/news/electronic-arts-selected-for-multi-year-agreement-for-the-future-of-star-wars-gaming [15.07.2016]

Hauptteil

Jenkins, Henry (2007): Transmedia Storytelling 101, [online]
http://henryjenkins.org/2007/03/transmedia_storytelling_101.html
[17.07.2016].

Jenkins, Henry (2011): Transmedia Storytelling 202: Further Reflections,
[online] http://henryjenkins.org/2011/08/defining_transmedia_further_re.html
[17.07.2016].

Söller-Eckert, Claudia (2013): Transmedia Storytelling und Participation
Expierience, in: Bernd Kracke, Marc Ries (Hrsg.), Das neue Erzählen –
Expanded Narration, Bielefeld: transcript Verlag, S. 341-359.

Spreadability vs. Drillability

Jenkins, Henry (2009): „The Revenge of the Origami Unicorn: Seven Principles of Transmedia Storytelling (Well, Two Actually. Five More on Friday)“, [online] http://henryjenkins.org/2007/03/transmedia_storytelling_101.html [14.07.2016].

Lewis, Andy (30.10.2012): „Trailer Report: ‚Star Wars‘ Teaser Beats ‚Age of Ultron‘ In Debut“ auf hollywoosreporter.com [online] http://www.hollywoodreporter.com/heat-vision/trailer-report-star-wars-teaser-753113 [15.07.2016]

Mittell, Jason (25.02.2009): „To Spread or To Drill?“ [online] https://justtv.wordpress.com/2009/02/25/to-spread-or-to-drill/ [16.07.2016]

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